Literatur in der Aqua Magica – Poetische Quellen vom 27.-30. August 2009
Mit den Themenschwerpunkten Frankreich und Leben und Schreiben finden die „Poetischen Quellen 2009“ vom 27. – 30. August 2009 bereits zum 8. Mal im Landschafts- und Kulturpark Aqua Magica von Bad Oeynhausen und in Löhne statt. Zu dieser inzwischen festen kulturellen Institution kommen in diesem Jahr 23 internationale und nationale Autorinnen und Autoren sowie Künstler nach Ostwestfalen-Lippe.
Schwerpunkte sind auch die alljährlichen Gesprächsrunden zu aktuellen gesellschaftspolitischen, kulturellen und literarischen Themen. Dazu zählen das „Sonntagsgespräch“ sowie die beiden „Tischgespräche“.
Das traditionelle Sonntagsgespräch (Sonntag, 30. August 2009, 11.30 Uhr) steht in diesem Jahr aus aktuellem Anlass unter der Überschrift Deutschland vor der Wahl! – Über Wert und Wirklichkeit der Demokratie. Der ehemalige Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, Wolfgang Storz, der bekannte und streitbare Historiker und Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, der in diesem Jahr mit dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnete Autor Robert Misik und die Deutschlandkorrespondentin für das französische Magazin „Le Point“, Pascale Hugues, diskutieren über eine Wahl, die möglicherweise als Richtungswahl für das politische Klima Deutschlands über mehrere Wahlperioden hinaus gelten kann:
„Deutschland vor der Wahl“: Natürlich kann es dabei nicht um eine einfache Für- oder Gegensprache für bestimmte Parteien oder Personen gehen. Gegenstand dieser Diskussion muss die weitere notwendige politische, gesellschaftliche und kulturelle Ausrichtung und Entwicklung Deutschlands sein. Dieses geschieht sowohl innerhalb eines europäischen Zusammenhangs mit Frankreich als größtem und historisch im Guten wie im Schlechten tief verbundenen Nachbarn als auch vor dem Hintergrund eines wirtschaftlichen Schockzustandes, dessen kritischer Punkt vielleicht doch noch gar nicht überschritten wurde. Die Bürgerinnen und Bürger erwarten einfache aber klare Aussagen darüber, wie es zukünftig weitergehen soll in und mit unserer Demokratie. Die Selbstherrlichkeit der Exekutive – der Regierung inklusive Kanzler oder Kanzlerin – nimmt, nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund einer immer hysterischer agierenden medialen Öffentlichkeitszuwendung, zu ohne dabei Ziele für die Zukunft konkret auszusprechen. Gleichzeitig nimmt der „Einfluss des Parlaments, des zentralen Orts der Demokratie, (…) in unglaublicher Weise ab“ (Heribert Prantl). Dabei wäre gerade jetzt, im Jubiläumsjahr der Bundesrepublik und 20 Jahre nach dem Mauerfall, angesichts der weltweiten ökonomischen Krise die Frage zu beantworten, inwieweit die Politik und das heißt, die Menschen, die sich für sie entschieden haben, fähig und vor allem auch geneigt sind, unabhängigen Handlungs- und somit auch Gestaltungsspielraum wieder in Anspruch zu nehmen, um eine Gesellschaft in die Zukunft zu führen, deren gesellschaftlicher Konsens auf der Verteilung des Wohlstands und der gerechten Verteilung gleicher Lebenschancen beruht.
Beim ersten Tischgespräch am Samstag, 29. August 2009, um 18.00 Uhr stellt der renommierte französische Autor Hédi Kaddour unter der Überschrift Der Schlüsselroman des europäischen 20. Jahrhunderts seinen Monumentalroman Waltenberg vor.
„… weil es möglich sein könnte, dass die Vernunft doch nicht historisch ist, dass sie der Geschichte nicht innewohnt, sich der Geschichte entzieht, und das würde bedeuten, dass alles, was in der Geschichte geschieht, nicht rational wäre, …“, lässt Kaddour eine seiner Figuren in seinem international gefeierten Roman denken. Die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts bildet den großen Spannungsbogen für die vier Hauptpersonen des Romans: Hans Kappler, Ingenieur und Schriftsteller, der den Ersten Weltkrieg in französischer Gefangenschaft überlebt hat; die amerikanische Sängerin Lena Hotspur, die an unterschiedlichsten Orten und Zeiten ins Rampenlicht tritt; der französische Journalist Max Goffard, der Hans Kappler im Krieg begegnet und seitdem mit ihm befreundet ist; und schließlich der Meisterspion Michael Lilstein, Kommunist und Auschwitzüberlebender, der verhindern will, dass Hans Kappler nach Ostdeutschland zurückkehrt: Sie alle treffen einmalig 1929 im Hotel „Waldhaus“ im Schweizer Bergdorf Waltenberg aufeinander, um sich in den darauf folgenden Zeiten immer wieder zu begegnen und zu verlieren. Mit dem Leben dieser vier Personen zwischen dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch des Ostblocks, beschreibt Kaddour eine Generation, die es bald nicht mehr geben wird. Er macht deutlich, was es bedeutet haben muss, sich zwischen politischen Systemen zu entscheiden oder was es bedeutete, wenn man gar nicht nach einer Entscheidung gefragt wurde.
Um die Parallelität von Geschichte und Geschichten fassbar zu machen, erschafft Kaddour in Waltenberg eine Komposition und Montage von historischen Bezügen, Perspektiven, Figuren und Motiven, die seiner Auffassung von Engagement in und durch die Literatur entsprechen. In Frankreich wurde er dafür 2005 mit dem „Preis des ersten Romans“ ausgezeichnet.
Hédi Kaddour, 1945 in Tunesien geboren, lebt seit seiner Kindheit in Frankreich. Mit sechs veröffentlichten Gedichtbänden (u.a. „Jamais une ombre simple. Poemes“, 1994; „Aborder la poésie“, 1997) und einer Essay-Sammlung über Dichtung („L`Emotion impossible“, 1998) war er in Frankreich vor seinem Debütroman vor allem als Dichter bekannt. Kaddour, der in Paris lebt, beschäftigt sich sehr mit deutschen Autoren. Er übersetzte Lessings „Minna von Barnhelm“ ins Französische und schrieb ein Vorwort zur französischen Ausgabe von Hans Magnus Enzensbergers Buch „Mausoleum“. Der Ort Waltenberg steht übrigens auch für das Schweizer Exil der deutschen Schriftsteller und Philosophen während des Ersten und des Zweiten Weltkriegs.
Die Fassung des deutschen Textes liest erneut der aus Bad Oeynhausen stammende Schauspieler Johannes-Paul Kindler, der bereits im vergangenen Jahr mit seiner Lesung aus den Aufzeichnungen aus Georgien von Clemens Eich das Publikum begeisterte.
Die Gesprächsübersetzung zwischen Jürgen Keimer und Hédi Kaddour übernimmt Julia Cécile Dorn.
Das zweite Tischgespräch am 30. August 2009, 17.00 Uhr, widemt sich mit den Essais von Michel de Montaigne einem Stück Weltliteratur aus Frankreich. Unter dem Titel Montaigne heute – Vom Leben in Zwischenzeiten sprechen der F.A.Z.-Redakteur Nil Minkmar und der bekannte Publizist Mathias Greffrath über die Bedeutung und Aussagekraft der Essais in der heutigen Zeit.
Michel Eyquem, genannt „de Montaigne“ nach dem Landsitz im Périgord auf dem er 1533 geboren wurde, war Politiker, Philosoph, Reisender, Schriftsteller und Begründer der Essayistik. 1571, drei Jahre nach dem Tod seines Vaters, zog sich Montaigne vor dem Trubel der Welt auf sein Schloss zurück, wo er in dem mit tausend Büchern ausgestatteten Bibliotheksturm seine Niederschrift der Essais beginnt, einem Werk, in dem er mit geradezu kindlich aufrichtiger Neugier sein eigenes Leben und die ihn umgebende Welt betrachtet. Aufgrund der Lebendigkeit und Offenherzigkeit und sicher auch aufgrund der Verabscheuung jeglicher Art von Dogmatismus, Fundamentalismus und Anbiederung fanden die Essais noch zu Lebzeiten Montaignes große Verbreitung. Das liegt vor allem daran, dass Montaigne in ihnen das Leben ebenso uneingeschränkt in all seiner Widersprüchlichkeit, Zerrissenheit aber auch körperlichen und geistigen Einheit bejaht. „Montaigne ist etwas Neues (…). So sehr aus dem Wollen der eigenen konkreten Existenz heraus, so saftig, körperlich und spontan hat kein antiker Philosoph geschrieben“, schreibt der Romanist Erich Auerbach. Und Friedrich Nietzsche notiert in seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen begeistert: „Dass ein solcher Mann wie Montaigne geschrieben hat, dadurch ist die Lust, auf dieser Erde zu leben, vermehrt worden. Mit ihm würde ich es halten, wenn die Aufgabe gestellt wäre, es sich auf dieser Erde heimisch zu machen.“
Nils Minkmar, geboren 1966, ist Mitbegründer der Deutschen Montaigne-Gesellschaft.
Mathias Greffrath, bereits 2007 zu Gast beim damaligen Sonntagsgespräch der „Poetischen Quellen“, ist Autor des Buches, das dem zweiten Tischgespräch den Titel gegeben hat. „Montaigne liest man nicht“, schreibt Greffrath; „Montaigne begegnet man.“ Vor zwei Jahren schrieb er bei den „Poetischen Quellen“ folgende Widmung: „Die wirklichen Essais finden unter dem offenen Himmel der Geschichte statt – und auf Naturbühnen.“
Eintrittskarten sind im Vorverkauf erhältlich:
1) Buchhandlung „Bücher Scherer“, Paul-Baehr-Str. 4, 32545 Bad Oeynhausen
2) Buchhandlung „Die Bücherecke“, Viktoriastraße 2, 32545 Bad Oeynhausen
3) Tourist-Info im Haus des Gastes, Im Kurpark, 32545 Bad Oeynhausen
4) Stadtbücherei Bad Oeynhausen, Herforder Straße 47-51, 32545 Bad Oeynhausen
5) Stadtbücherei Löhne, Alte Bünder Straße 6, 32584 Löhne
6) Kulturbüro in der Werretalhalle, Alte Bünder Straße 14, 32584 Löhne
7) Provinzbuchladen, Hämelinger Straße 22, 32052 Herford
Buchhandlung „Auslese“ im Elsbachhaus, Herford
9) Buchhandlung im Kaufhaus Hagemeyer, Scharn 11-17, 32423 Minden
Ermäßigungen für Schülerinnen und Schüler gibt es nicht in den Vorverkaufsstellen, sondern direkt an der Abendkasse! Die Dauerkarte für alle eintrittspflichtigen Veranstaltungen bietet einen Rabatt von fast 25 Prozent.
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Geschrieben: 24 August, 2009 in Bad Oeynhausen, Kultur.
Tags: Bad Oeynhausen, Löhne









