Poetische Quellen 2010 – Programm des internationalen Literaturfestes
Es gibt Schriftsteller, die behaupten, woanders zu leben als am Mittelmeer sei nicht möglich. Erfahrene Reisende stimmen dem zu.
Ob dies wirklich so ist, versucht das 9. Internationale Literaturfest „Poetische Quellen“ von Ostwestfalen-Lippe unter dem Schwerpunktthema Das Mittelmeer – Träume und Wirklichkeiten einer Kulturlandschaft vom 26. – 29. August 2010 zu erkunden. Im Landschafts- und Kulturpark AQUA MAGICA von Bad Oeynhausen & Löhne kommen dazu mehr als zwei Dutzend Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Literaturkritiker auf der Naturbühne oder im Literaturzelt zusammen, um das Publikum mit mediterraner Lebensfreude anzustecken, ohne dabei die Probleme außer Acht zu lassen, die in dieser klimatisch wunderschönen und kulturell so vielseitigen Landschaft am Meer ebenso vorhanden sind. Unter den vielen spannenden Neuentdeckungen sind wiederum drei Bücher, die deutschlandweit erstmals vorgestellt werden.
Existentielle menschliche Themen wie Aufbruch und Neuanfang, die Begegnung mit dem Anderen, Reise, Liebe, Krieg und Tod, die Beziehung von Mensch, Natur und Landschaft stehen dabei nicht nur literarisch, sondern erstmals auch musikalisch im Mittelpunkt. Die Eröffnung und gleichzeitig erste Autorenbegegnung der „Poetischen Quellen 2010“ bestreiten am Donnerstag, 26. August, der griechische Schriftsteller und Kriminalromanautor Petros Markaris, der Lyriker, Autor, frühere Generalsekretär des Goethe-Instituts und jetzige Intendant der Berliner Festspiele Joachim Sartorius sowie der mehrfach ausgezeichnete türkischstämmige deutsche Autor Feridun Zaimoglu. Unter dem Titel Athen und Istanbul: Städte und Menschen am Meer widmen sie sich dem östlichen Teil des Mittelmeers und damit gleichzeitig dem Übergang von Europa zu Asien.
Nachdem beim Internationalen Literaturfest in den vergangenen Jahren stets Literatur und Kunst in Zusammenhang gebracht wurden, kommt es in diesem Jahr erstmals zu einer hörbaren Begegnung zwischen Literatur und Musik! La Puisia Siciliana – das Konzert der sizilianischen Sängerin Etta Scollo am 27. August in der Werretalhalle Löhne (Beginn: 20 Uhr, Einlass: 19.15 Uhr), die in ihrem Programm die Einflüsse der arabischen, spezifisch sizilianischen und italienischen Kultur Siziliens vermischt und mit dieser anregenden musikalischen Reise ein Konzerterlebnis schafft, das die Klänge des Mittelmeers unverwechselbar zum Ausdruck bringt, ist einer der Höhepunkte der „Poetischen Quellen 2010“. Musikalisch begleitet wird Etta Scollo dabei von dem Multi-Instrumentalisten Hinrich Dageför, der Cellistin Susanne Paul und Cathrin Pfeiffer auf dem Akkordeon. Die literarische Begleitung übernimmt der bekannte Sprecher und Schauspieler Bernt Hahn, der kurze Texte sizilianischer Autoren vortragen wird.
Der Samstagnachmittag, 28. August, beginnt mit unterschiedlichen mediterranen Stimmungsbildern von der afrikanischen Seite des Mittelmeers:
Algerien, ein Land zwischen ständigem Aufbruch und der immerwährenden Gefahr eines Rückfalls in fundamentalistische Überzeugungen, steht dabei gleich bei zwei Veranstaltungen im Mittelpunkt. Der Schauspieler Johannes-Paul Kindler legt dem Publikum mit Hochzeit des Lichts einen der schönsten Texte von Albert Camus ans Herz. Camus` Impressionen vom Rande der Wüste sind nicht nur eine zeitlose Liebeserklärung an seine Heimat Algerien, sondern auch eine erhebende Hymne auf die Sonne, das Licht und den Himmel dieser einzigartigen Landschaft am Mittelmeer.
Michael Roes, einer der faszinierendsten Schriftsteller Deutschlands, bewegt sich in seinen Romanen stets an der spannungsgeladenen Grenzlinie zwischen den verschiedenen Kulturkreisen. Als erste deutschlandweite Premiere stellt er in seinem neuesten Buch Geschichte der Freundschaft die Mentalitäts- und Kulturprobleme zweier Freunde, eines Algeriers und eines Deutschen, auf eindrucksvolle Weise dar.
Der in Italien lebende algerische Autor Amara Lakhous erzählt schließlich die Geschichte eines Mordes in einem Multikulti-Viertel in Rom. Das Mittelmeer als Schmelztiegel der Kulturen erhält hierbei den Anstrich einer commedia all`italiana, die trotz ihrer komödiantischen Einschübe das ernsthafte Thema der Einwanderung nicht aus den Augen verliert.
Der bekannte ZEIT-Kritiker und Autor Fritz J. Raddatz widmet sich anschließend in seinem Buch Nizza – mon amour einer Stadt, die aufgrund ihrer direkten Lage am Mittelmeer alle Entwicklungen in diesem faszinierenden Kulturraum durch die Geschichte hindurch unmittelbar zu spüren bekam.
Im ersten „Tischgespräch“ unterhalten sich dann die mehrfach ausgezeichneten Autoren und Essayisten Iso Camartin, bereits 2008 Gast des Literaturfestes, und Dieter Richter, Sachbuchpreisträger des NDR 2009 und Ehrenbürger der Stadt Amalfi, über die Ursachen und Auswirkungen unserer Sehnsucht nach dem Süden.
Der Samstagabend (28.08.) verspricht mit Matt Beynon Rees und Rupert Neudeck eine hochinteressante zweite „Autorenbegegnung“. Der seit 1996 in Jerusalem lebende britische Kriminalromanautor Rees hat mit seiner Figur des Omar Jussuf den ersten palästinensischen Detektiv in der Literatur geschaffen und damit für bereits gleich drei Bestseller im Krimigenre gesorgt. Zusammen mit dem wegen seiner weltweit organisierten Hilfs- und Friedensdienste international bekannten Rupert Neudeck führen beide Autoren unter dem Titel Ermittlungen zwischen Israel und Palästina kriminalliterarische sowie auf eigenen Erfahrungen beruhende Erkundungen in derjenigen Region des Mittelmeers durch, die im positiven – durch das Zusammenfinden der drei Weltreligionen in einem Dialog – Auswirkungen auf den Frieden, oder im negativen – durch das weitere Verneinen einer Gesprächsbereitschaft und die daraus entstehende zunehmende Fundamentalisierung religiöser Gruppen – Auswirkungen auf den Unfrieden in der ganzen Welt haben könnte.
Zum dritten Mal schließlich beginnt der Sonntag (29.08.) der „Poetischen Quellen“ mit einem „Literaturgottesdienst“, der mit seinem so genannten „Lebensbuch“ stets auch auf den Schwerpunkt des Internationalen Literaturfestes zielt. In diesem Jahr steht dabei der erste und vielleicht sogar „südlichste“ Roman des Literaturnobelpreisträgers Ernest Hemingway im Mittelpunkt: 1926 in den USA unter dem Titel The Sun Also Rises veröffentlicht, sorgte das Buch kurze Zeit später auch in Deutschland mit dem Titel Fiesta für zahlreiche Wiederauflagen.
Im Anschluss daran machen sich dann der international hochgeschätzte Anthropologe und jahrelange Leiter des Dialogs der Kulturen der Berliner Stiftung Schloss Neuhardenberg, Constantin von Barloewen, gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Ekkehart Krippendorff und dem Autor, Übersetzer und Islamwissenschaftler Stefan Weidner im traditionellen „Sonntagsgespräch“ (29.08.) auf die Suche nach einem neuen Humanismus zwischen den Kulturen und stellen die Frage, wie unterschiedliche Kulturen zukünftig friedlich miteinander umgehen können, wobei auch dafür der Mittelmeerraum aufgrund seiner Vielfalt exemplarisch ist.
Eines der schönsten Bücher über das Mittelmeer stammt von dem 2009 verstorbenen katalanischen Autor Baltasar Porcel. Im selben Jahr erschien sein Buch Das Mittelmeer. Eine stürmische Reise durch Zeiten und Kulturen auf Deutsch. Sinnlich und kraftvoll erzählt, stellt die Übersetzerin Kirsten Brandt dieses großartige Buch gemeinsam mit dem Literaturkritiker Martin Zähringer vor, wobei nicht nur mediterrane Flaneure, sondern auch Liebhaber historischer Details voll auf ihre Kosten kommen.
Die zweite deutschlandweite Premiere wird dann der aus Rom anreisende italienische Autor Mario Fortunato vorstellen. Gemeinsam mit der Übersetzerin Annette Kopetzki präsentiert er seinen kürzlich in Deutschland erschienenen Roman Unschuldige Tage im Krieg. Fortunato gehört zu den interessantesten Schriftstellern seiner Generation in Italien und bereits Alberto Moravia lobte seinen ersten Erzählband Ende der 80er Jahre mit den Worten „Fortunatos Prosa variiert ein wiederkehrendes, eigensinniges Thema: Das Unvermeidliche oder besser noch das Unersetzliche“. Dies trifft auch auf sein jüngstes in Deutschland veröffentlichtes Buch zu.
Bereits zum vierten Mal zu Gast bei den „Poetischen Quellen“ ist einer der politisch engagiertesten und gleichzeitig sprachlich versiertesten Autoren Deutschlands: Der Exil-Iraner SAID. Er ist ein Beispiel dafür, dass das Internationale Literaturfest bei manchen Autoren versucht ist, über die Jahre hinweg beim Publikum annähernd eine Art Werkschau zu einem bestimmten Schriftsteller aufzubauen, indem die Autoren immer wieder mit ihren neuen Büchern eingeladen werden. SAID präsentiert in diesem Jahr seine im Frühjahr herausgekommenen west-östlichen Betrachtungen Das Niemandsland ist unseres.
Aus der Nähe von Alicante reist einer der wichtigsten Autoren Spaniens an: Rafael Chirbes. Literaturnobelpreiswürdig und in einem Atemzug genannt mit Autoren wie Gabriel García Márquez und António Lobo Antunes, präsentiert das Internationale Literaturfest ihn im zweiten „Tischgespräch“ am späten Sonntagnachmittag, wo er gemeinsam mit seiner ebenfalls anerkannten Übersetzerin Dagmar Ploetz auf dem Podium begrüßt wird. Zwischen Sonne und Meer – Spanische Machenschaften lautet der Titel, unter dem Rafael Chirbes u.a. mit seinem grandiosen jüngsten Roman „Krematorium“ ins Porträt gesetzt wird.
Die dritte deutschlandweite Erstvorstellung ereignet sich zum Abschluss der „Poetischen Quellen 2010“: Durs Grünbein stellt in der dritten „Autorenbegegnung“ sein erst Mitte August erscheinendes Buch Aroma. Ein römisches Zeichenbuch vor und trifft damit auf Ingo Schulze, von dem im Frühjahr die Erzählungen Engel und Orangen. Italienische Skizzen erschienen sind. Beide Autoren waren Stipendiaten der römischen Villa Massimo und zeichnen ein lebendiges italienisches Panorama, das auf dem Wissen um die römisch-italienische Geschichte ebenso beruht, wie es sich aus den persönlichen Erfahrungen mit der gegenwärtigen italienischen Gesellschaft speist, die alles andere als eindeutig ist und die unmittelbare Wirklichkeit von illegalen Einwanderern, Prostituierten und auch der Touristen mit einbezieht.
„Lasst uns unser Meer wieder finden, das Mare nostrum. Es ist der Quell der Poesie des Lebens“, schreibt der französische Philosoph Edgar Morin mit Blick auf das Mittelmeer. Nichts anderes haben sich die „Poetischen Quellen 2010“ zum Ziel gesteckt und bieten damit hoffentlich erneut Anlass für einen vielfältigen Austausch von Gedanken und Gesprächen!
Die Moderation des Internationalen Literaturfestes liegt dabei wiederum in den bewährten Händen des ehemaligen WDR-5-Kulturredakteurs Jürgen Keimer.
Die Lesungen am Nachmittag sind mit Ausnahme der „Tischgespräche“ wie immer eintrittsfrei. Alle Veranstaltungen finden auf der Naturbühne im Park, im Literaturzelt sowie ausschließlich am Freitagabend, 27.08., in der Werretalhalle in Löhne (Etta Scollo & Ensemble – La Puisia Siciliana) statt. An allen Tagen steht ein Büchertisch mit einer umfangreichen Auswahl von Werken aller anwesenden Autoren zur Verfügung, die man in dieser Sortierung in den Buchhandlungen sonst nicht bekommt.
Am Samstag- und am Sonntagnachmittag (28. und 29. August) gibt es unter dem Titel „Das Mittelmeer, das trink ich leer“ natürlich auch wieder ein Kinderprogramm mit Märchenerzählungen und Kinderbuchvorstellungen im Erzählzelt sowie kreative Aktivitäten des Spielmobils des Giraffenlandes zum thematischen Schwerpunkt. An den Büchertischen findet ebenfalls wieder eine Beratung zur Auswahl von dem Alter entsprechenden Kinderbüchern statt.
Das Programm des 9. Internationalen Literaturfestes „Poetische Quellen 2010“ wäre seit Bestehen in seiner hohen Qualität nicht zu verwirklichen, wenn nicht die Kunststiftung NRW und die Stiftung der Sparkasse Herford als verlässliche Förderer diesen kulturellen Veranstaltungshöhepunkt in Ostwestfalen-Lippe aus Überzeugung mittragen würden. Ihnen und zahlreichen weiteren Förderern ist es ein Anliegen, das kulturelle Angebot in der Region aufrechtzuerhalten, um nicht zuletzt deren Attraktivität zu festigen und zu erhöhen. Die „Poetischen Quellen“, die sich von Jahr zu Jahr mehr zu einem der beliebtesten spätsommerlichen Literaturfeste in ganz Deutschland entwickeln, sind ein Aushängeschild für die hohe Qualität und Kompetenz der Kulturregion Ostwestfalen-Lippe.
Nicht zuletzt soll hier auch die seit langem bestehende Medienkooperation mit dem WDR 5 erwähnt werden, der auch in diesem Jahr wieder gleich drei Veranstaltungen für sein Programm aufzeichnet.
Informationen zum 9. Internationalen Literaturfest „Poetische Quellen 2010“ erhält man telefonisch unter +49 (0)5731 3020012 oder im Internet unter www.poetischequellen.de.
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Geschrieben: 15 August, 2010 in Bad Oeynhausen, Löhne.
Tags: Bad Oeynhausen, Löhne










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Posted: Di 17. August 2010 at 07:46
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